Beschreibung
16 ausgewählte Erzählungen
Das neue Buch der Regensburger Schriftstellerin Barbara Krohn:
Die sechzehn ausgewählten Geschichten entstanden im Verlauf der letzten dreißig Jahre. Sie erzählen vom Finden und Verlieren, vom Für und Wider des Älterwerdens, von beglückenden und zweifelhaften Begegnungen, natürlich immer auch von der Liebe. Die Schauplätze reichen von Hamburg über Regensburg bis nach Neapel. Es geht um Paare, Familien, um Mensch und Tier, um kleine und große Welten und überhaupt: die Kunst des Lebens.
Die meisten der hier gesammelten Erzählungen erschienen über die Jahre in Anthologien großer Verlage und waren vergriffen, der KernVerlag präsentiert die Geschichten in diesem Herbst neu.
ISBN: 978-3-934983-61-8
244 Seiten, Klappenbroschur
LESEPROBE
aus der Erzählung: „Ein Schaf umarmen“
Das Haus, in dem Wolf wohnte, war alt und frisch saniert – freigelegte Balken an den Decken, marmorierte Wände im Treppenhaus. In den schmalen Schacht in der Mitte des Treppengevierts war ein noch schmalerer Aufzug eingebaut worden.
Gunilla rümpfte die Nase. Müssen wir uns da reinzwängen?
Jasper lächelte nachsichtig. Ist für uns doch wie geschaffen. Eine Spezialanfertigung für kalte Zeiten: auf dass man sich näherkommt.
Er zog sie an sich.
Durch den dicken, weichen Fellmantel ließ ihr Körper sich nur in Umrissen erspüren. Er wollte nicht kleinlich sein, aber es fühlte sich ein bisschen so an, als würde er ein riesiges ungeschorenes Schaf umarmen. Und er musste an seine Mutter denken: wie er sich als Junge an ihren dicken, weichen Körper gepresst hatte und sich gar keine andere Mutter vorstellen konnte – auch keinen Frauenkörper unter hundert Kilo. Erst mit vierzehn hatte sich das geändert, seine übergewichtige kurzatmige Mutter war ihm peinlich geworden, als Mutter und als Körper, und diese Haltung ihr gegenüber hatte er später nicht mehr zurücknehmen können, diese Distanz, durchsetzt von Schuldgefühlen, wenn sie sich zwei, dreimal im Jahr gegenüberstanden und sie den Sohn an sich ziehen wollte und er es halb geschehen ließ, sich dann aber schnell abstützte an ihr – wie Männer sich zu begrüßen pflegen. Inzwischen konnte er seiner Mutter ersatzweise die Enkel in die Arme drücken, allerdings kam sie jetzt viel öfter als früher zu Besuch, heute Abend zum Beispiel, als Babysitter.
Gunilla befreite sich aus seiner Umarmung. Sie konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen: nicht mal ein Kinderwagen passe in den Fahrstuhl.
…
„Das ist nicht dein Ernst“, rief Jasper, nun deutlich irritiert, auch wegen der unerwartet schroffen Abfuhr. „Zu Fuß in den fünften Stock, wenn es einen Fahrstuhl gibt?“ Ohne mich, wollte er hinzufügen, aus Prinzip und weil Gunillas Ängstlichkeit, die seit der ersten Schwangerschaft täglich zuzunehmen schien – beim Autofahren, beim Hantieren mit Messern, in der Nähe von Gewässern –, ihn schon seit längerem störte. Aber dann schluckte er seinen Kommentar doch herunter. Wenn sie jetzt anfingen sich zu streiten, würde der Abend garantiert in einem Fiasko enden.
„Der Schwächere gibt nach“, sagte er tapfer und hielt ihr galant den Arm hin: „Darf ich gnädigst zum Aufstieg in die Absteige bitten …“
Auf dem zweiten Treppenabsatz drückte Gunilla ihn plötzlich an die Wand und küsste ihn – und Jasper spürte diesmal kein Schaf, sondern ihre Zunge auf seinen Lippen.
…







